Remote-Konflikte finde ich schwieriger als Konflikte, bei denen man direkt vor Ort ist. Was kann man tun, um Konflikte in Entfernung aufzulösen und zu vermeiden?

Die Abstands-Falle

Wer in den letzten Tagen neu (und auch bisweilen unfreiwillig) in der Remote-Welt angekommen ist, wird vielleicht gerade mit einem Mix aus Eindrücken konfrontiert: Komme ich gut mit der Software klar? Wie verhalte ich mich in einem Video Call?

Das kann verunsichern. Dazu kommt, dass durch die neuen Umstände gerade zu Meeting-Tage mit sehr wenigen Pausen veranstaltet werden. Diskussionen kommen direkt auf den Punkt, mitunter wird der erholsame Kaffeeplausch vergessen, der gerade auch online stattfinden sollte, wie ich finde. 

Die Mischung aus diesen neuen Kräften, dem neuen Meeting-Stress und der üblichen Arbeitslast ist schon Herausforderung genug, mit der sich jede:r zunächst zurechtfinden muss. Doch andererseits kann man sich vorstellen, dass diese Umstände auch zu einer gewissen Gereiztheit führen können.

Warum hole ich so weit aus zu diesem Thema? Warum nicht direkt ein paar Tipps, wie man Remote-Konflikte auflösen kann? Weil ich denke, dass es sehr wichtig ist, zu sehen, dass wir momentan eigentlich alle im gleichen Boot sitzen.

Die Meeting-Falle

Etwas, was ich in den letzten Tagen häufig mitbekomme, sind die vielen, direkt aneinander angrenzenden Meetings. Remote-Meetings sind zumindest für mich ein wenig anstrengender als Vor-Ort Meetings. Wenn man nun direkt nach einem Meeting ins nächste weiterstolpert – oder besser: weiterklickt – ohne eine Pause zu haben, schlägt schon das aufs Gemüt.

Erstaunlicherweise sind Remote-Meetings, so wie ich sie kennengelernt habe, sehr fokussiert. Es gibt kaum Raum für Nebengespräche, mal ganz abseits davon, das Nebengespräche im Remote-Setup sehr schwierig sind. Das zahlt auch auf eine gewisse innere Anspannung ein. Daraus kann ein flipsiger Kommentar entstehen, der ohne den Einsatz von visuellen Informationen (sprich: die Webcam ist aus) durchaus falsch verstanden werden kann. Das in Kombination mit dem Faktor, dass es nicht so einfach ist, eben kurz mit dem Kollegen zu reden und sich zu einer Situation Feedback zu holen, kann frustrieren.

Und dann kann es geschehen – ein kleiner Scherz, ein Seitenhieb, eine gefühlte Gemeinheit – die vielleicht gar nicht so gemeint war. Missverständnisse haben einen guten Nährboden in der aktuellen Situation.

Lösungen zu Remote-Konflikten

Wenn das geschehen ist, würde ich zunächst so handeln wie sonst auch. Kurz durchatmen, falls ich betroffen bin, dann mit der Person sprechen. Als Moderator: Eine Pause im Meeting vorschlagen, eventuell das Meeting vertagen und mit den Personen sprechen, bei denen es hochkochte.

Abseits davon, dass Remote-Meetings schon existierende zwischenmenschliche Konflikte scheinbar herauskitzeln, ist der aktuelle Meeting-Wahn (dazu noch für viele Eltern im häuslichen Umfeld, wo auch ihre Kinder Bedürfnisse haben) auch ein treibender Faktor.

Somit schlage ich vor, gerade in den aktuellen Remote-Zeiten auf sich selbst zu achten. Nicht jede Besprechung muss angenommen werden. Ich weiß, das ist ein großes Statement – auf der anderen Seite ist auch keinem geholfen, wenn man sich von Meeting zu Meeting klickt und Abends nicht mehr weiß, worüber man Morgens überhaupt gesprochen hat.

Im Google Kalender kann man eine Option aktiveren, die ich persönlich sehr gut finde: Schnelle Besprechungen. Alles bis 30 Minuten wird um 5 Minuten verkürzt, alle längeren Termine um 10 Minuten.

Mehr Steuerung durch Gespräche

Ein weiterer Faktor ist der Einsatz von dedizierten Moderator:innen. Das klingt vielleicht zunächst übertrieben, aber es hilft, eine (hoffentlich) neutrale Person zu haben, die verstärkt auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden eingeht.

Ein:e Moderator:in kann auf Pausen achten oder einen Blick darauf haben, dass Meetings nicht bis zur letzten Minute ausgereizt werden; und dazu beitragen, dass auch der soziale Austausch stattfindet. Wenn dann die Gefühle hochkochen, kann ein:e Moderator:in dazu beitragen, die Situation zu entschärfen.

Der Situation angemessen

Die aktuelle Situation ist schon ein wenig wie ein erhöhter Schwierigkeitsgrad. Die unfreiwillig gewählten Umstände machen es nicht einfacher. Mir persönlich hilft es, mir selbst etwas Raum zu erhalten, zum Beispiel durch etwas kürzere Meetings. Und durch gemeinsames Lachen. Dann bleibt es auch einfacher, nach einem Ausrutscher wieder aufeinander zuzugehen.

Missverständnisse entstehen im Remote-Kontext sehr viel schneller durch ein Informationsdefizit (Körpersprache, direkte Gespräche fehlen). Konkrete Remote-Regeln können helfen, Konflikte zu vermeiden:

  • Zeit zum Socializen geben.
  • Kamera aktivieren für visuelles Feedback.
  • Pausen sehr fokussiert wahrnehmen.

Und wenn es zu einem Konflikt kommt, hilft, wie sonst auch, das persönliche Gespräch.

  • Zeit geben, dass etwas Ruhe einkehren kann.
  • Per Anruf oder Video Call ein Gespräch vereinbaren – so haben alle Parteien die Möglichkeit, sich mental vorzubereiten.
  • Offenes Gespräch, warum es zu der Eskalation kam.

Letztlich ist die Aufklärung von Konflikten Remote nicht viel anders als vor Ort. Aufgrund der physischen Distanz kann es als unangenehm empfunden werden. Doch wenn man auch das anspricht, kann dies ebenfalls thematisiert werden. Die neue Situation ist für alle herausfordernd – und geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

Tobias Maasland, Scrum Master und Agile Coach, unterstützt Teams wie auch Organisationen dabei, aus traditionellen Herangehensweisen ins Agile Mindset zu kommen. Für schon etablierte Teams und Organisationen coacht er schwerpunktbasiert, on-site wie auch remote.

inovex arbeitet grundlegend verteilt und Remote.