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HarmonyOS: Mehr als ein Betriebssystem – Huaweis Ökosystem erklärt

Lesezeit
16 ​​min

TL;DR:

  • HarmonyOS ist nicht mehr nur Huaweis Antwort auf Android, sondern die Basis für ein eigenes Geräte- und Service-Ökosystem.
  • Mit HarmonyOS NEXT hat Huawei den Bruch mit Android vollzogen – native Apps müssen neu entwickelt oder portiert werden.
  • Besonders spannend ist der Automotive-Bereich: HiCar und HarmonySpace verbinden Smartphone, Fahrzeug und digitale Dienste.
  • Für deutsche Unternehmen wird HarmonyOS vor allem dann relevant, wenn China-Geschäft, Automotive oder Multi-Device-Szenarien eine Rolle spielen.

HarmonyOS verbindet Smartphones, Apps und Fahrzeuge – und ist Huaweis Basis für ein eigenes Ökosystem.

Bei Huawei und HarmonyOS denkt man vermutlich zuerst an Smartphones. Viele erinnern sich auch daran, dass Huawei-Geräte seit 2019 infolge der US-Exportbeschränkungen ohne Google-Dienste auskommen müssen. Deshalb wird HarmonyOS häufig als Ersatz für Android beschrieben.

Als ich damit begonnen habe, mich intensiver mit HarmonyOS zu beschäftigen, war das auch meine erste Hypothese: ein Betriebssystem, das Huawei entwickelt hat, um die Abhängigkeit von Google zu reduzieren. Diese Annahme ist nicht ganz falsch. Huawei hat daraus aber inzwischen ein deutlich größeres Ökosystem aufgebaut, das Smartphones, Tablets, Wearables, PCs, Smart-Home-Geräte und Fahrzeuge verbindet. In diesem Artikel geht es deshalb weniger um HarmonyOS NEXT als Android-Alternative, sondern um dieses Ökosystem.

Zwei Generationen von HarmonyOS

Unter dem Namen HarmonyOS werden zwei technisch deutlich unterschiedliche Generationen des Betriebssystems zusammengefasst:

Die ersten HarmonyOS-Versionen bis Version 4 waren noch eng mit dem Android Open Source Project verbunden und konnten Android-Apps ausführen. Mit HarmonyOS 5, auch als HarmonyOS NEXT bezeichnet, begann Huawei den Wechsel auf eine von Android unabhängige Plattform. Android APK-Dateien werden dort nicht mehr unterstützt. Apps müssen nativ entwickelt oder portiert werden.

Im Juni 2026 startete die Developer Beta von HarmonyOS 7.

Der Schritt zu HarmonyOS NEXT ist riskant. Eine neue Plattform benötigt Geräte, Entwickler, Apps, Cloud-Services und Benutzer. Die bestehenden Ökosysteme von Apple und Google wurden über viele Jahre aufgebaut.

Im chinesischen Markt scheint das zu funktionieren: Bis Juni 2026 waren laut Huawei mehr als 66 Millionen Geräte mit dem nativen HarmonyOS aktiv. Gleichzeitig nannte das Unternehmen mehr als 380.000 Apps und Services für die Plattform. HarmonyOS hat damit einen Anteil von 19 % am chinesischen Smartphone-Markt noch vor iOS. Android führt den Markt weiterhin deutlich an.

Vom Betriebssystem zum Ökosystem

Der Unterschied zwischen einem Betriebssystem und einem Ökosystem zeigt sich beim Einsatz verschiedener Geräte:

HarmonyOS läuft in verschiedenen Ausprägungen auf Smartphones, Tablets, Smartwatches, Smart-Displays und IoT-Geräten und seit 2025 auch auf HarmonyOS-PCs (z. B. MateBook Pro). Inhalte können zwischen Smartphone, Tablet und PC weitergegeben werden. Mehrere Geräte teilen sich Tastatur und Maus, und ein auf dem Smartphone gestartetes Video kann auf dem PC fortgesetzt werden.

Eine Reise beginnt bei der Planung am Rechner, wird auf dem Telefon fortgesetzt und landet später im Fahrzeug.

Das erinnert stark an das Apple-Ökosystem: Je mehr Geräte auf derselben Plattform arbeiten, desto wertvoller wird jedes einzelne davon.

HarmonyOS in Deutschland

Wer heute in Deutschland ein aktuelles Huawei-Smartphone kauft, bekommt noch nicht die native HarmonyOS-NEXT-Plattform.

Die deutschen Produktseiten des Huawei Pura 80 Pro und des faltbaren Mate X7 nennen beispielsweise weiterhin EMUI 15.0 als Betriebssystem. In China werden aktuelle Baureihen wie die Pura-80-Serie dagegen mit HarmonyOS ausgeliefert beziehungsweise auf HarmonyOS 6 aktualisiert.

Für Entwickler ist diese Trennung relevant: Wer eine native App für HarmonyOS NEXT baut, entwickelt aktuell hauptsächlich für den chinesischen Markt. International vertriebene Huawei-Smartphones führen dagegen weiterhin Android-Apps unter EMUI aus.

Huawei spricht inzwischen deutlich offener über eine internationale Expansion. Auf der Entwicklerkonferenz 2026 war von mehr als 17.000 HarmonyOS-Apps und sogenannten Meta Services die Rede, die auch außerhalb Chinas verfügbar sind. Gleichzeitig hat Huawei klargemacht, dass die weitere Internationalisierung des Ökosystems in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen soll. Ob und wann die native Plattform wirklich flächendeckend nach Europa kommt, bleibt aber offen.

Schild der Huawei Developer Conference 2026 mit HDC.2026-Logo
Huawei Developer Conference 2026 (HDC.2026)

Wie entwickelt man eine HarmonyOS-NEXT-App?

Wer schon moderne Apps für iOS oder Android entwickelt hat, findet sich bei der Entwicklung einer HarmonyOS-NEXT-App schnell zurecht.

Entwicklungsumgebung ist Huawei DevEco Studio, das auf der IntelliJ-Plattform basiert. Programmiert wird mit ArkTS, einer auf TypeScript basierenden Sprache. Für die Benutzeroberfläche kommt ArkUI zum Einsatz. Der Namensbestandteil „Ark“ ist keine Abkürzung, sondern Huaweis Markenname für die Entwicklungs- und Laufzeittechnologien von HarmonyOS.

Als iOS- oder Android-Entwickler erscheint das UI-Modell bekannt: Oberflächen werden aus Komponenten aufgebaut, Zustände beeinflussen ihre Darstellung und Änderungen am State führen zu einer Aktualisierung des UI. Wer schon mit SwiftUI oder Jetpack Compose gearbeitet hat, muss hier nichts Grundlegendes Neues lernen.

Damit ist eine bestehende App aber noch lange nicht portiert. Unterschiede gibt es unter anderem beim Lifecycle, bei Berechtigungen, System-APIs sowie bei Signierung und Veröffentlichung. Auch die verfügbaren Funktionen unterscheiden sich je nach Gerät und HarmonyOS-Version.

Das HarmonyOS-SDK deckt die üblichen Bereiche moderner Apps ab. Neben klassischen Anwendungen unterstützt Huawei auch sogenannte Atomic Services (installationsfreie Mini-Apps, etwa zur Paketverfolgung), die über die Entwicklerplattform und AppGallery Connect verwaltet werden.

Daneben spielen die Huawei Mobile Services, kurz HMS, eine wichtige Rolle. Sie liefern Dienste, die Android-Apps sonst häufig über die Google Mobile Services beziehen. Dazu zählen beispielsweise Push-Nachrichten, Karten, Standortfunktionen, Login, Zahlungen, Analytics und Cloud-Dienste.

HMS und HarmonyOS sind zwei unterschiedliche Dinge. HMS ist eine Sammlung von Diensten und APIs. HarmonyOS ist die eigentliche Betriebssystem- und Anwendungsplattform. Eine Android-App wird deshalb nicht automatisch zu einer nativen HarmonyOS-App, nur weil sie Huawei Maps verwendet und über die AppGallery veröffentlicht wird.

Für ein Projekt ist deshalb zuerst die Zielplattform entscheidend. Soll eine App auf international vertriebenen Huawei-Smartphones laufen, kann eine angepasste Android-App mit HMS bereits ausreichen. Geht es um aktuelle Geräte auf dem chinesischen Markt, kann dagegen eine native HarmonyOS-App notwendig sein. Hinter dem Begriff „Huawei-Portierung“ können daher sehr unterschiedliche technische Aufwände stecken.

HarmonyOS im Auto: HiCar und HarmonySpace

Spannend wird das HarmonyOS-Ökosystem beim Thema Auto. Hier gibt es mehrere Begriffe, die leicht verwechselt werden können:

Smart Cockpit mit mehreren Displays und digitaler Fahrzeugoberfläche
Smart Cockpits verbinden Fahrzeugfunktionen, Apps und digitale Dienste über mehrere Displays.
Begriff Rolle
HarmonyOS Betriebssystem- und App-Plattform für unterschiedliche Geräteklassen
HarmonySpace Native Smart-Cockpit-Lösung, die Huawei Autoherstellern anbietet
HiCar Verbindung zwischen Huawei-Smartphone und einem kompatiblen Fahrzeug

HiCar ist im Grunde Huaweis Variante von Apple CarPlay oder Android Auto. Das Smartphone bringt Navigation, Musik, Nachrichten und andere persönliche Dienste mit. Im Auto werden diese Inhalte dann über das Infotainment-System angezeigt und bedient.

HarmonySpace geht deutlich weiter. Es verbindet nicht einfach nur das Smartphone mit dem Fahrzeug, sondern ist Huaweis eigene Cockpit-Plattform für Autohersteller. Je nach Fahrzeug steuert die Plattform mehrere Displays, das Head-up-Display, die Sprachsteuerung, verschiedene Audiozonen und fahrzeugspezifische Apps. Huawei hebt dabei besonders hervor, dass mehrere Nutzer, Displays und Audiozonen zusammenspielen können.

Von der Aufgabe her ist HarmonySpace deshalb eher mit einem Cockpit auf Basis von Android Automotive vergleichbar als mit Android Auto. Ganz identisch sind die Systeme aber nicht. Android Automotive ist vor allem eine Betriebssystemplattform für Fahrzeuge. Huawei verkauft HarmonySpace dagegen als komplette Cockpit-Lösung, zu der neben der Software auch Benutzeroberfläche, Audio, Hardwareanbindung und weitere Dienste gehören.

HarmonySpace ist dabei nicht automatisch für das ganze Fahrzeug zuständig. Bremsen, Lenkung oder Airbags sind nicht einfach Teil des Cockpit-Systems. Huawei trennt selbst zwischen HarmonySpace, dem Fahrerassistenzsystem ADS, der Fahrzeugsteuerung, Automotive Optics und den Cloud-Diensten.

Warum braucht man sowohl HiCar als auch HarmonySpace?

Ein einfaches Beispiel ist eine Fahrt zu einem Termin. Die Route wurde vorher auf dem Smartphone geplant. Steigt man ins Auto, erkennt HiCar das Telefon und übernimmt Ziel, Navigation und eventuell auch die zuletzt abgespielte Musik.

In einem typischen HiCar-Szenario bleibt das Smartphone die zentrale App-Plattform. Das Fahrzeug stellt Display, Bedienung und Audio bereit und kann je nach Hersteller weitere Fahrzeugschnittstellen freigeben. Ähnlich kennt man es von Apple CarPlay oder Android Auto.

Mit einem nativen HarmonySpace-Cockpit geht mehr. Die Route kann dann nicht nur auf dem zentralen Display erscheinen. Abbiegehinweise können auch im Fahrerdisplay oder im Head-up-Display landen. Je nach Fahrzeug kann die Navigation außerdem Ladezustand, Reichweite oder ein bestimmtes Fahrzeugprofil berücksichtigen.

Smart Cockpit mit Fahrerdisplay, zentralem Display und Beifahrerdisplay
Mehrere Displays und Fahrzeugfunktionen werden im Smart Cockpit zu einer gemeinsamen digitalen Oberfläche.

Auch andere Personen im Auto können gleichzeitig eigene Inhalte nutzen. Während vorne navigiert wird, laufen hinten vielleicht Videos oder Musik. HarmonySpace koordiniert dabei die verschiedenen Displays und Audiozonen.

Großes Entertainment-Display im Fond eines Fahrzeugs
Auch der Fond wird Teil des digitalen Cockpits – mit eigenen Displays und Entertainment-Funktionen.

Das Auto ist dann nicht mehr nur ein Bildschirm für das Smartphone. Es wird selbst zu einem Gerät im Huawei-Ökosystem.

Für Entwickler gibt es dadurch zwei unterschiedliche Wege. Eine bestehende Mobile-App kann für HiCar angepasst werden. Dafür braucht sie vor allem eine Oberfläche, die im Auto sinnvoll und sicher bedienbar ist.

Eine native Cockpit-App kann deutlich tiefer integriert werden. Sie kann Sprache, mehrere Displays und den aktuellen Fahrzeugkontext nutzen. Je nach Freigabe des Herstellers sind eventuell auch Fahrzeugdaten verfügbar.

Automatisch bekommt eine App diesen Zugriff aber nicht. Funktionen wie Sitze, Klima, Batterie oder Fahrzeugdiagnose hängen stark vom jeweiligen Fahrzeug und den angebotenen APIs ab. Am Ende entscheidet auch der Autohersteller, was eine App überhaupt nutzen darf.

Warum HarmonySpace für OEMs relevant ist

Huawei betont schon seit Jahren, kein klassischer Autohersteller werden zu wollen. Stattdessen möchte das Unternehmen die Technik liefern, die andere Hersteller für ihre Fahrzeuge brauchen. Dazu gehören unter anderem Cockpit-Systeme, Fahrerassistenz, Fahrzeugsteuerung, Kommunikation, Cloud-Dienste und optische Systeme.

2025 hat Huawei nach eigenen Angaben mehr als 38 Millionen intelligente Automotive-Komponenten ausgeliefert und mit über 600 Partnern zusammengearbeitet. Daraus lässt sich nicht direkt ablesen, wie viele Fahrzeuge wirklich ein komplettes HarmonySpace-Cockpit nutzen. Die Zahlen zeigen aber, dass Huawei im Automotive-Bereich längst nicht mehr nur ein kleines Nebenprojekt betreibt.

Beim Blick auf das gesamte Portfolio fällt außerdem auf, dass HarmonySpace nur ein Teil eines deutlich größeren Pakets ist. Ein Beispiel ist der Avatr 12. Dort wird ein HarmonyOS-Cockpit mit weiteren Huawei-Technologien kombiniert, etwa aus den Bereichen Fahrerassistenz und Energiemanagement.

Ausstellungsmodell mit Displays und Komponenten einer Huawei Automotive-Plattform
Huawei zeigt, wie Cockpit, Displays und weitere Fahrzeugkomponenten als Teil einer gemeinsamen Automotive-Plattform zusammenspielen.

Für einen Autohersteller kann so ein Paket interessant sein. Ein modernes Cockpit ist nicht mehr nur ein großer Bildschirm mit Navigation. Apps, Sprache, mehrere Displays und das Smartphone müssen zusammen funktionieren.

Das alles selbst zu entwickeln, ist aufwändig. Es kostet nicht nur Geld, sondern braucht auch dauerhaft ein Team, das die Plattform weiterentwickelt. Huawei kann viele dieser Bausteine gemeinsam anbieten.

Darin liegt aber auch das Risiko. Je mehr Teile des Stacks ein OEM übernimmt, desto stärker bindet er sich an Huawei. Dann stellt sich schnell die Frage, wer am Ende das digitale Erlebnis kontrolliert. Bleibt die Marke des Autoherstellers im Vordergrund? Wer hält am Ende die Beziehung zum Kunden? Wer entscheidet über Apps, Updates und Daten?

Dazu kommen Themen wie Datenschutz, Cybersecurity, regionale Vorgaben und die Integration in die bestehende Fahrzeugtechnik.

HarmonySpace ist damit deutlich mehr als ein Infotainment-System. Huawei versucht, einen großen Teil der digitalen Fahrzeugplattform abzudecken. Genau das macht die Lösung für OEMs interessant, erhöht aber gleichzeitig die Abhängigkeit vom Plattformanbieter.

HarmonyOS bei BMW: Warum das Thema deutsche Hersteller betrifft

Dass HarmonyOS nicht nur für chinesische Automarken relevant ist, zeigt BMW.

Der für China entwickelte BMW iX3 mit langem Radstand nutzt Huawei-Technologien wie Digital Key und HiCar. Zusätzlich entwickelt BMW eine Version der My-BMW-App für HarmonyOS NEXT. Ziel ist es, Smartphone, Fahrzeug und weitere Geräte der Nutzer enger miteinander zu verbinden.

BMW ersetzt damit nicht sein komplettes Cockpit durch HarmonySpace. Dennoch ist das Beispiel interessant. BMW übernimmt einzelne Teile des Huawei-Ökosystems, weil diese für Kunden in China relevant sind.

Genau darin sehe ich aktuell auch die größere Bedeutung von HarmonyOS für deutsche Unternehmen. Nicht unbedingt darin, noch eine weitere Smartphone-App für Europa zu entwickeln. Relevant wird die Plattform vor allem dann, wenn deutsche Fahrzeuge oder digitale Dienste auf dem chinesischen Markt funktionieren sollen.

Dort reicht es nicht immer aus, eine bestehende europäische App einfach zu übersetzen. Navigation, Bezahlung, App-Verteilung und die Verbindung zum Smartphone müssen zu den lokalen Plattformen und Gewohnheiten passen.

Für einen IT-Dienstleister kann das ganz konkrete Arbeit bedeuten: bestehende Apps anpassen, eine native HarmonyOS-App entwickeln oder Smartphone, Backend und Fahrzeug miteinander verbinden. Dazu kommen Tests auf unterschiedlichen Geräten und die Frage, welche Dienste und APIs im jeweiligen Fahrzeug überhaupt verfügbar sind.

Exkurs: OpenHarmony und Oniro

Neben dem kommerziellen HarmonyOS gibt es mit OpenHarmony auch eine offene technische Basis. Das Projekt liegt bei der chinesischen OpenAtom Foundation.

Huawei spielt dort eine wichtige Rolle. Aber OpenHarmony ist nicht einfach die frei verfügbare Version von HarmonyOS. Der Vergleich mit Android und AOSP passt hier ganz gut: Die offene Basis ist nur ein Teil. Hersteller ergänzen eigene Komponenten, Dienste und Oberflächen und bauen daraus am Ende ihr Produkt.

Nach Angaben von Huawei gehörten Ende 2025 mehr als 10.000 Entwickler und 523 Partner zur OpenHarmony-Community. Mehr als 1.300 Software- und Hardwareprodukte hatten einen Kompatibilitätstest durchlaufen. Eingesetzt wird OpenHarmony laut Huawei unter anderem in den Bereichen Transport, Energie, Finanzen und Industrie.

Für Europa ist vor allem Eclipse Oniro for OpenHarmony interessant. Oniro baut auf OpenHarmony auf, wird aber von der Eclipse Foundation getragen und ist damit weniger direkt an Huawei gebunden. Das Projekt arbeitet an offenen Entwicklungswerkzeugen, unterstützten Hardwareplattformen und an der Frage, wie sich OpenHarmony auch außerhalb von Huaweis eigenem Produktumfeld einsetzen lässt.

Ein fertiges europäisches Gegenstück zu HarmonyOS ist Oniro noch nicht. Dafür fehlen Gerätebasis, App-Angebot und Verbreitung. Für IoT- und Embedded-Produkte kann das Projekt trotzdem interessant sein, wenn ein offenes und herstellerneutraleres System gesucht wird. Für Smartphone-Apps spielt es derzeit kaum eine Rolle.

Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

HarmonyOS ist für deutsche Unternehmen vor allem dann relevant, wenn China, Automotive oder mehrere Geräteklassen eine Rolle spielen.

Bevor dafür ein eigenes Team aufgebaut wird, sollte zuerst der konkrete Anwendungsfall geklärt werden. Welche Nutzer und Geräte sollen erreicht werden? Geht es um eine native HarmonyOS-App, eine Android-App mit HMS, HiCar, eine Cockpit-App oder ein OpenHarmony-basiertes Embedded-System? Wichtig ist außerdem, welche Backends angebunden werden müssen und wie Veröffentlichung und Freigabe ablaufen.

Im Automotive-Bereich kommt noch eine weitere Frage hinzu: Welche Schnittstellen stellt der Hersteller tatsächlich bereit? Ein einfacher Prototyp ist schnell gebaut. Deutlich aufwendiger wird es, sobald eine App Sprache, mehrere Displays, Nutzerprofile oder Fahrzeugdaten verwenden soll. Dann müssen App-Team, Plattformanbieter und Fahrzeughersteller eng zusammenarbeiten.

Eine kleine Referenzanwendung kann hier mehr zeigen als eine mehrwöchige theoretische Analyse. Sie macht schnell sichtbar, wie gut Tooling und Dokumentation für den eigenen Anwendungsfall funktionieren, welche Teile bestehender iOS- oder Android-Architekturen übernommen werden können und wo wirklich neues Wissen nötig ist.

HarmonyOS ist noch kein europäischer Massenmarkt – aber ein relevantes Signal

Ob HarmonyOS auf europäischen Smartphones einmal eine ähnliche Rolle wie Android oder iOS spielen wird, lässt sich derzeit nicht seriös vorhersagen. Huaweis aktuelle Geräte in Deutschland laufen weiterhin mit EMUI, während sich die native HarmonyOS-Plattform vor allem in China etabliert.

Trotzdem ist HarmonyOS mehr als nur ein Smartphone-Betriebssystem. Huawei baut ein eigenes Ökosystem aus Apps, Wearables, Tablets, PCs und Fahrzeugen auf. Besonders im Auto wird deutlich, wohin die Reise geht: Geräte, Dienste und persönliche Inhalte sollen enger zusammenspielen.

Für europäische Nutzer ist davon bisher nur ein Teil sichtbar. Für deutsche OEMs, Zulieferer und Unternehmen mit China-Geschäft kann die Plattform aber schon heute relevant sein.

HarmonyOS ist weder einfach „Android ohne Google“ noch bereits ein globaler Standard. Es ist Huaweis Versuch, eine durchgängige digitale Plattform vom vernetzten Gerät bis zum Fahrzeugcockpit aufzubauen.

Und genau dieses Ökosystem ist die eigentliche Story.

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